"Wir sind voll"

Oftmals wird sehr zusammengefasst über die Pflege und ihre Probleme gesprochen. Oder es wird eben gar nicht über die Pflege geredet. Ein Interview zur Situation in der Pflege, wo die Probleme liegen und warum Klatschen eben auch aufregen kann.    


Mit 24 Jahren hat Eden (Name geändert) schon einiges erlebt. Nach der Ausbildung zur Fachperson Gesundheit FaGe, machte sie weiter an der höheren Fachschule. Es folgten Erfahrungen in Altersheim und verschiedenen Spitalabteilungen. Heute macht sie das Nachdiplom-Studium IB Erwachsene. Das Interview wurde anfangs Dezember geführt. Seither hat sich sowohl die epidemiologische wie auch die Lage in den Spitälern zugespitzt.


FAU: Warum hast du dich entschieden, in der Pflege tätig sein zu wollen?


Eden: Während der Berufswahl war ein Familienangehöriger für längere Zeit im Spital. Ich war bei jedem Besuch fasziniert und beeindruckt was die Pflegefachpersonen alles leisten und wussten. Ich ging zweimal Schnuppern und die Entscheidung war gefallen – ich werde FaGe und später diplomierte Pflegefachfrau.
Helfen zu können, für andere in ihrem schwächsten Moment da zu sein und sie auf ihrem Genesungsweg zu begleiten waren sicher auch Gründe mich für diesen Beruf zu entscheiden.
Für die Weiterbildungen sind die Gründe eher technischer und theoretischer Natur. Ich wollte mir mehr Fachwissen aneignen, mehr Tätigkeiten übernehmen, mehr Verantwortung für die Patient*innen und das Team übernehmen und so umfassender pflegen können.


Wie sieht die Situation momentan aus bezüglich der Belegung (Stand Anfang Dezember)?


Wir sind voll und ca ¾ der Betten sind mit COVID-Patient*innen belegt. Bei uns wurden 12 zusätzliche Beatmungsplätze geschafft, auch diese sind belegt.
Ich finde es hier sehr wichtig, zu erwähnen, dass schweizweit die Kapazitätsgrenze an Intensivbetten seit ein paar Wochen erreicht ist. Unsere 850 Betten sind belegt! Ja, die maximale Kapazität sind 1400 Intensivbetten. Jedes Bett, das zusätzlich eröffnet wird, bedeutet, dass die Behandlungs-/Betreuungsqualität abnimmt. Wir haben nicht genügend Personal – Ärzt*innen, wie auch Pflegefachpersonal – und folgende Konsequenzen ergeben sich daraus: Examinierte Intensivpflegefachpersonen sind plötzlich für 4-6 beatmete Patient*innen statt für 1-2 beatmete Patient*innenen zuständig, auch sollen sie noch Studierende betreuen und zusätzliches Personal aus dem COVID-Pool einführen. Für den Menschen, der auf der Intensivstation liegt und behandelt werden muss. bedeutet dies, dass aus fehlenden zeitlichen und personellen Ressourcen an Pflege und Qualität eingespart wird. Die Belastung der Pflegefachperson nimmt zu, sie wird den Patient*innen, den Studierenden und dem Hilfspersonal nicht mehr gerecht, kann ihre Arbeit nicht mehr mit gewohnter Qualität ausführen und geht am Ende des Tages frustriert und erschöpft nach Hause.


Kommt ihr mit dem jetzigen Personalschlüssel aus (inklusive Notfallpool)?


In der ersten Welle hatten wir einen grossen COVID-Pool zur Verfügung. Dieser bestand aus Personal von Abteilungen die nur noch reduzierten Betrieb hatten, ehemaligen Intensivpflegefachpersonen und Anästhesiefachpersonal. Die erste Welle verlief ruhiger und weniger stressig, da alle elektiven Eingriffe abgesagt wurden und man quasi auf die COVID-Patienten gewartet hat.

In der 2. Welle ist dieser COVID-Pool deutlich geschrumpft, da der allgemeine Spitalbetrieb nicht so drastisch reduziert wurde. So steht weniger Personal von den Abteilungen und von der Anästhesie zur Verfügung.
Die personellen Ressourcen sind knapp und wenn noch Ausfälle hinzukommen, wird es teils prekär. Die Arbeitspläne werden im Zwei-Wochen-Takt neu geschrieben, da Personal verschoben werden muss. Täglich kommen Anfragen, um Dienste für den aktuellen Tag oder den nächsten Tag zu übernehmen. Oft fehlt Personal auf mehreren Diensten pro Tag, meldet sich niemand, um aus seinem freien Tag zur Arbeit zu kommen, sind wir zu wenig Personal. Betten können keine gesperrt werden, da wir voll belegt sind und der Bedarf an Intensivbetten nicht abnimmt.


Wie sieht es mit der Einhaltung von Kompetenzen aus? Gibt es Überschreitungen?


Bis jetzt habe ich dies nicht festgestellt. Es gibt eine Einteilung von allen Personalgruppen, wo genau geregelt ist, wer welche Kompetenzen hat. Alle Personen, welche am Bett stehen und arbeiten, tragen auf ihrem Badge die jeweilige Bezeichnung, so ist klar, wer was kann und darf. Kompetenzüberschreitungen halte ich jedoch nicht für ausgeschlossen.


Ist das richtige Schutzmaterial vorhanden?


Ja. Wir sind in der privilegierten Situation ausreichend Schutzmaterial zur Verfügung zu haben. Auch ist es qualitativ gutes Material, auch wenn Unterschiede zum gewohnten Material feststellbar sind.


Gibt es Engpässe bei der Versorgung mit Schutzmaterial?


Nicht mehr. In der ersten Welle hatten wir für eine kurze Zeit einen Masken-Engpass. Seither sind mir keine Engpässe mehr aufgefallen.

 

Bild: Die laut Pandemie-Plan "angelegten" Vorräte an Schutzmaterial entpuppten sich im Frühjahr als Farce. Denn sie kamen über die Planung nie hinaus. Dadurch gab es Anfang Jahr viel zu wenig Schutzmaterial.


Wie ist die Arbeitsbelastung angestiegen?


In meinem Empfinden deutlich bis stark. Zu wenig Personal, mehr offene Betten, komplexe Patient*innensituationen und das Betreuen von mehreren Patient*innen gehen nicht spurlos an einem vorbei. Auch können nicht mehr alle Tätigkeiten ausgeführt werden, die Prioritäten müssen strenger gesetzt werden, Qualitätsabstriche müssen in Kauf genommen werden.


Wie sieht die Schichtplanung aus im Vergleich zu vorher?


Der Arbeitsplan ist strenger, die Freizeit kürzer, die Anfragen zum Einspringen kommen täglich und betreffen jeweils mehrere Schichten. Wer kann und möchte, soll auf seine Ferien verzichten, damit ein einigermassen vertretbarer Personalschlüssel gewährt werden kann.

 

Gab es kürzlich Änderungen?


In der 1. Welle wurde aufgrund der Ausrufung des Notstandes die 12.5h Schicht eingeführt bei der Ärzteschaft und beim Pflege-/Pflegefachpersonal. In der 2. Welle arbeiten die Ärzt*innen bereits im 12.5h-Schichtsystem, bei der Pflege ist dies nicht möglich, da der Notstand nicht ausgerufen wurde.


Wie ist die Pausenregelung? Kann diese eingehalten werden?


Es ist unserer Klinikleitung ein Anliegen, dass wir unsere ganzen Pausen beziehen können. Jedoch ist dies nicht immer möglich, so werden Pausen gekürzt oder die Znünipause ganz ausgelassen. Grösstenteils ist es jedoch möglich, die Pausen durchzuziehen, etwas zu essen und zu trinken. Wann immer möglich kann die Abteilung für die Pausenzeit verlassen werden.


Fühlst du dich zurzeit überfordert?


Nicht überfordert, eher belastet. Als Studierende in der Pandemie hat man es nicht immer einfach. Ich möchte helfen und unterstützen, um den Intensivpflegefachpersonen Arbeit abnehmen zu können. Da es oft aber keine meinem Ausbildungsstand entsprechenden Patient*innen gibt, bin ich immer wieder auf Hilfe ihrerseits angewiesen. Lernsequenzen sind seltener geworden, man kommt zum Arbeiten und versucht sich so viel Neues wie möglich anzueignen, um immer mehr Arbeiten selbstständig ausführen zu können.
Das Abschalten nach der Arbeit gelingt mir zurzeit noch gut. Doch ist dies auch schwieriger geworden, da soziale Kontakte und Freizeitangebote nur noch eingeschränkt möglich sind. Und ich mich als potentielle Corona-Überträgerin eher noch zusätzlich einschränke. Mit ein bisschen Kreativität, warmer Kleidung und Effort von allen Beteiligten klappt auch das.


Kannst du dich in deiner Freizeit gut erholen? Trotz Schichtarbeit und Wochenenddiensten? Reicht die Erholungszeit?


Ja, ich kann mich gut erholen. Die Erholungszeit ist teils knapp, doch meist ausreichend.


Besteht die Möglichkeit, dass komplexe Situationen im Team rückbesprochen werden können?


Ja. Wir haben die Möglichkeit, dies teamintern zu machen. Auch haben wir Anspruch auf das CareTeam, falls dies erwünscht und gebraucht wird.


Wie sehen eure Teamsitzungen aus? Gibt es ein Mitspracherecht?

 

Wir haben sehr wenige Teamsitzungen (3-4 im Jahr). Fragen/Anliegen werden im Team gesammelt und während den Sitzungen besprochen. Bei uns herrscht ein offener und konstruktiver Umgang mit Anliegen, Kritik und Wünschen. Es dürfen und sollen sich alle melden. Ich habe den Eindruck, dass die Anliegen des Teams von den Stationsleitungen und auch von der Klinikleitung ernst genommen werden und Änderungen/Lösungen aktiv gesucht werden


Welche Ängste hast du oder ihr im ganzen Team?


Derzeit sicherlich, dass die Belastung weiter zu nimmt und die Qualität gezwungener massen weiter abnimmt, dass die Frustration am Ende des Tages mehr wird und man seinen eigenen Werten als Berufsperson nicht mehr gerecht wird.
Längerfristig sind es mehr Ängste bedingt durch den zunehmenden Personalmangel.


Wie reagiert euer*eure Arbeitgeber*in darauf?


Man nimmt es zur Kenntnis. Derzeit wird oft Dank für unsere geleistete Arbeit ausgesprochen und, dass es in Ordnung ist, wenn wir nicht dieselbe Qualität bringen können, wie gewohnt. Auch sollen wir uns gut um uns selbst sorgen und nicht einspringen, wenn wir eigentlich frei brauchen und eh schon am Anschlag sind.


Was stösst dir zurzeit oder allgemein in der Pflege sauer auf?

Wenn noch einmal jemand für uns applaudiert, raste ich aus! Es ist ja wunderschön, wenn du als Applaudierende*r für fünf Minuten deiner Zeit an uns denkst, Du denkst, du hast uns etwas Gutes getan. Du gehst danach wieder deines Weges und verschwendest keinen weiteren Gedanken an die Umstände im Spital/Alters-Pflegeheim mehr. Dein Gewissen wird beruhigt sein. Sei stolz auf dich!
Dein Applaus bringt uns nicht mehr Fachpersonal in die Institutionen, die Arbeitsbedingungen werden nicht besser, die Dienstpläne nicht entspannter, der Lohn nicht mehr, die Anerkennung in der Gesellschaft nicht grösser, die Ausbildung nicht attraktiver, die Stelleninserate werden nicht weniger, die Vorurteile werden nicht durchbrochen und die Wertschätzung nicht grösser! Wir alle, die Berufsgruppe Pflege, die Bevölkerung und die Politik, müssen aktiv werden. Es muss sich nachhaltig etwas ändern. Es geht um die Zukunft von uns allen, um die Zukunft des Gesundheitswesens und um die Versorgung von unseren Grosseltern und Neugeborenen!

Bild: Die Applaus-Aktionen halfen wenig. Es gibt kaum mehr Personal, andere Probleme wurden dadurch auch nicht gelöst. Hilfe für den Gesundheitssektor sollte sich vielmehr in Unterstützung z.B. der Forderung zeigen.

 

Der Pflegeberuf ist keine Berufung! Wir haben 5-6 Jahre Ausbildung hinter uns, bis wir uns diplomierte Pflegefachperson nennen dürfen. Wir lernen, wie man Menschen umfassend behandelt und betreut. Wir sind die Personen, die Veränderungen an Patient*innen erkennen und einschätzen müssen. Wir kümmern uns nicht nur um die Ausscheidung und Körperpflege der Patient*innen. Wir sind deren Anwält*innen im Behandlungszirkus, wir organisieren ihre Nachbetreuung, informieren sie über ihre Medikamente, instruieren sie, wie sie ihre Verbände zu Hause machen sollen, was es nach der Operation zu beachten gilt, beantworten all ihre Fragen zur Behandlung, OP und wie es weitergeht. Wir sitzen am Sterbebett neben dem Menschen, der die Welt am verlassen ist, geben den Angehörigen halt. Wir teilen Freud, Leid, Trauer, Wut und Ohnmacht mit allen Beteiligten. Wir sollen die sein, die mit einem guten Vorschlag um die Ecke kommen, die stark sind, die auf alle Fragen eine Antwort haben und sich alles gefallen lassen und keine Grenzen setzen.

Bitte applaudiere nicht, sondern engagiere dich politisch für uns. Hör uns zu, wenn wir berichten, wie es tagtäglich läuft, rede unsere Erzählungen nicht schön, sei unser*e Anwält*in im Politikum Gesundheitswesen, informiere dich und setze dich für uns ein!


Gibt es allgemeinen Widerstand gegen den Status Quo?


Ja und Nein. Unmut ist zu spüren, Rückmeldungen und Forderungen werden deponiert, doch reagiert wird wenig. Es geht ja noch, die Zustände sind ja noch nicht so prekär wie z.B. in Deutschland, die Qualität ist ja noch gut. Wir haben ja noch Zeit zu handeln. Auch nimmt der Widerstand ab, da nichts geändert wird und man die Zeit gar nicht mehr investieren mag.


Gibt es Organisierungsprozesse des Pflegepersonals?


Es gibt diverse Verbände, welche für den Pflegeberuf einstehen. Doch je spezialisierter die Pflege, desto weniger Verbände und Gruppierungen gibt es, die für die Anliegen und Forderungen einstehen und kämpfen.


Sind Krankmeldungen häufig? Wenn ja, welche sind die häufigsten Ursachen?


Ja, vor allem in der Herbst-/Winterzeit. Grippe, Unfälle und Kinder, welche krank sind. Psychische Ausfälle werden nicht so offen kommuniziert. Es gibt auch Burnouts.


Gibt es noch etwas, was du anderen Pflegenden mitgeben oder allgemein loswerden möchtest?


Unsere Arbeit ist vielseitiger, vielschichtiger und verantwortungsvoller als „nur“ dem Grösäti z Füdle z putze u am Grosi d z Gebiss ine ztue.

Hinterfrage deine Vorurteile, kämpfe für dein Wohlbefinden und setze dich für eine nachhaltige Pflege und ein nachhaltiges Gesundheitswesen ein. Wir sind dir dankbar!

Die Sonderausgabe zum Gesundheitsbereich

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