(Nicht nur) Gesundheitsbereich leidet wegen mangelhafter Vorbereitung - FAU-Bern - DE

Als wäre der Virus SARS-CoV-2 nicht schon schlimm genug, machten Versäumnisse in der Pandemie-Vorbereitung die Lage nur noch schlimmer. Der Ausruf „Flatten the Curve“, also die Ansteckungskurve abzuflachen, sollte bewirken, dass die Gesundheitssysteme nicht kollabieren. Genau dies passierte in China und im März auch in Italien. Mit einer besseren Versorgung wären weniger Tote riskiertbzw. weniger drastische Massnahmen ergriffen worden können. Je mehr Zeit vergeht, umso mehr kommt nun zum Vorschein, das der Bund, Kantone und Spitäler in der Vorbereitung gepatzt haben. Darunter leiden nun die Pflegearbeiter*innen. Diese dienten gerade in den ersten Tagen als Kanonenfutter.

 

Versäumnisse in der materiellen Vorbereitung

 

Es ist nicht die erste Pandemie in der Schweiz. Oftmals wird der Vergleich mit der spanischen Grippe vor hundert Jahren herangezogen. Diese breitete sich in den angeschlagenen Gesundheitssystemen des 1. Weltkriegs rasant aus. 500 Millionen Menschen erkrankten daran, zwischen 20-50 Millionen Menschen starben daran. Doch so weit muss gar nicht zurückgegangen werden. 2006 war die Vogelgrippe ein grosses Thema, 2009 verbreitete sich die Schweinegrippe. In einer solch globalisierten Welt, wo die Bewegungsfreiheit für viele Menschen – es sei denn es handelt sich um Schutzbedürftige, also Flüchtlinge – noch nie gekannte Ausmasse angenommen hat, ist eine Pandemie wahrscheinlicher denn je. Deswegen hatte der Schweizer Staat auch Pandemiepläne erstellt, jedoch nie wirklich umgesetzt. Die Spitalbetten wurden von den Kantonen immer mehr reduziert, um Kosten zu sparen. Die vorgeschriebenen Medikamentenlager wurden nie wirklich angehäuft. Die „Spitäler“, welche durch Militär und Zivilschutz betrieben werden sollten, sind kaum einsatzfähig: Die Spitäler des Zivilschutzes sind veraltet und es hat kaum mehr Personal, welches diese bedienen kann, da dieser Dienst abgeschaft wurde. Von ursprünglich neun militärischen Spitälern wurden fünf verkauft, drei sind nicht einsatzbereit. Das einzig übrig gebliebene Spital ist unterirdisch und durch die engen Platzverhältnisse nicht geeignet für eine Pandemie.

 

Ethanol-Mangel: Lager zwecks Privatisierung verkauft

 

Was ist in der momentanen Lage eines der wichtigsten Hygiene-Güter? Ganz sicher nicht Toilettenpapier. Es ist (Hände-)Desinfektionsmittel. Diese basieren unter anderem auf dem Alkohol Ethanol. Und dies hatte der Staat auch tatsächlich mal angehäuft für den Fall einer Pandemie. Gut gemacht? Leider nicht ganz. Als 2018 die eidgenössische Alkoholverwaltung EAV privatisiert wurde, wurden auch die Ethanolreserven (ca. 8000 Tonnen!) aufgelöst. Laut dem zuständigen Bundesamt für Wirtschaftliche Landesversorgung BWL wollte man dem nun liberalisierten Markt erst einmal Zeit geben, bevor man diese Reserven wieder fülle. Diese Reserve ging jedoch in den bürokratischen Mühlen des Staates schlicht unter, und so steht die Schweiz nun mit einem Mangel an Desinfektionsmittel dar.

 

Lange bekannter Mangel an Personal

 

Der Aufruf zuhause zu bleiben um die Infektionskurve flach zu halten, gründet unter anderem unter diesen vorher genannten Versäumnissen. Je schlechter die Ausrüstung, umso schneller ist das Gesundheitssystem überlastet, umso mehr Tote gibt es, auch solche, welche nicht mit SARS-CoV-2 zusammenhängen. Daher ist das schlimmste, was einer betroffenen Region passieren kann, die Überlastung des Gesundheitssystems. Und dies ist bei einem ohnehin schon angeschlagenen, da kaputt gesparten und privatisierten Gesundheitssektor schnell erreicht. Dort spielen die mangelnden Betten, Beatmungsgeräte und Medikamente eine Rolle. Doch viele Expert*innen sehen ein weiteres Problem beim Personalmangel. Dieser führt zu mangelnder Pflege und Überlastung des Personals. Gestresste Menschen machen mehr Fehler, und diese können in der Versorgung von Menschen in kritischem Zustand auch zu mehr Toten führen.

 

Seit Jahren weisen Personal, Gewerkschaften und Personalverbände auf diesen Personalmangel hin. Geschehen ist leider wenig. So wenig, dass sogar eine Volksinitiative nun dagegen vorgehen soll.

 

Mangelnde Anerkennung, miserable Arbeitsbedingungen

 

Dieser Pflegemangel hängt mit vielen Dingen zusammen, kurz gesagt sind es die äusserst miesen Arbeitszeiten, die miese Bezahlung und die geringe Wertschätzung des Berufs. Dies veranlasst einen grossen Teil der Arbeiter*innen, dem Beruf den Rücken zu kehren. Dies beschleunigt den Mangel natürlich noch mehr. Es fehlt also nicht nur an neuen Ausgebildeten, es fehlt auch an Arbeitsbedingungen, welche mensch überhaupt aushalten kann.

In der momentanen Krise wurde der Gesellschaft jedoch nochmals die Bedeutung des Berufs vor Augen geführt. Der Gesundheitsbereich ist gesellschaftlich äusserst relevant, und nicht die Sesselfurzer*innen in der Bankenaufsicht oder ihren besten Freund*innen am Paradeplatz. Doch abgesehen von Klatschen und ab und an mal ein Lob an einer bundesrätlichen Pressekonferenz, scheint sich wenig zum positiven zu ändern. Ganz im Gegenteil.

 

Wirtschaft schonen, Spitalpersonal schröpfen?

 

In ihren Worten steht die Regierung ganz hinter den Arbeiter*innen im Gesundheitsbereich, in ihren Taten sieht das anders aus: Ganz im Sinne von Wirtschaft schonen, Pflege schröpfen, hat der Bundesrat per Verordnung1 das Arbeitsrecht für Spitäler ausgesetzt. Konkret geht es um die Bestimmungen zu Arbeits- und Ruhezeiten. Es können nun also längere Schichten mit weniger Pausen dazwischen verordnet werden. Die Spitäler müssten theoretisch immer noch schauen dass es dem Personal physisch und psychisch gut gehe, aber das haben sie ja in der Vergangenheit auch nicht wirklich gemacht. Warum sollten sie es also in Krisenzeiten tun?

 

 

Arbeitsrecht schnell und einseitig geopfert

 

Natürlich ist es in Notsituationen nötig, dass das Spitalpersonal mehr arbeiten muss. Doch anstatt die Infektionen weiter zu senken und klar unter der Überlastung des Gesundheitssystems zu bleiben, liess der Bundesrat lieber die Wirtschaft weiterlaufen und schaute dann mal, ob die Überlastung kommt oder nicht. Anstatt stets Danke zu sagen und dem Personal klatschen zu lassen, könnte der Bundesrat auch einfach mal Taten zur Unterstützung sprechen lassen, und nicht noch die Arbeitsbedingungen verschlechtern. Jene Verordnung, welche das Arbeitsrecht bezüglich Arbeits- und Ruhezeiten in Spitälern aushebelte erfolgte bereits am 21. März, also schon vier Tage nach der Schliessung von Läden und Gastronomiebetrieben. Äusserst brisant: Dieses Vorgehen wurde zu keinem Zeitpunkt mit den Arbeiter*innen oder ihren Arbeiter*innenverbänden und Gewerkschaften abgesprochen. Diese hatten schon kurz darauf klargestellt, dass schon in der Zeit vorher das Arbeitsrecht diesbezüglich mit Füssen getreten wurde. Bereits kurz darauf hatten erste Spitäler begonnen, systematisch die Arbeitsbedingungen massiv zu verschlechtern. Das Signal war daher klar: Wirtschaft über den Gesundheitszustand der Pflege, Profit über Menschen. Und die Interessen der Spitalleitung über jene der Arbeiter*innen.

 

Regierung warnie auf der Seite der Pflege

 

Die sofortige Aufgabe von Arbeitsrechten zugunsten der Chef*innen in den Spitälern war nur ein Zeichen. Wie schon im Artikel Pflege in Notin der Schwarzen Chatz # 62 aufgezeigt, hatte es der Staat lange versäumt, sich um die Pflege zu kümmern. Die Privatisierungen der Spitäler und Pflegeheime verschlechterte die Situation nochmals. Denn dadurch wurde ein Anreiz gesetzt, im Gesundheitsbereich zu sparen: Weniger Personal, mehr „Zimmerstunden“, also lange Pausen von mehreren Stunden und vor allem auch weniger Personal in den zusätzlichen Bereichen wie Reinigung, Küche, Hauswirtschaft etc.

 

Altersheime gefährdet

 

Die Versäumnisse in der materiellen Vorbereitung auf die Pandemie führte dazu, dass in Altersheimen lange Zeit Masken zum Schutz der Bewohner*innen fehlten. Grundsätzlich ist in Altersheimen das Wissen um Isolations- und Hygienemassnahmen gross, da fast jährlich mit Infektionskrankheiten wie dem weitaus weniger tödlichen Norovirus auftreten.Dort liegt auch ein Problem mit der Ausrüstung: Einige Altersheime hatten gerade Anfangs Jahr wieder Ausbrüche mit Noroviren und haben daher ihre Reserven aufgebraucht. Die spärlichen staatlichen Reserven wurden dann jedoch auf Spitäler konzentriert. Dadurch konnte das Personal lange zeit nur ungenügend die Bewohner*innen und vor allem sich selbst schützen. Die Abflachung der Kurve ist also auch für die Altersheime bedeutend. Wenn das Gesundheitsystem überlastet ist, werden bei einer Triage2 kaum Menschen aus Altersheimen bevorzugt. Dem Personal bliebe dann nur noch die Verwaltung der Sterbenden. Und dies mit dem ohnehin schon knapp vor der Überlastung stehenden Personal.

 

Was folgt?

 

Die miserable Vorbereitung auf eine Pandemie hat die Arbeiter*innen in Spitälern, Alters- und Pflegeheimen, wie auch die Spitex in eine beschissene Ausgangslage gebracht. In den letzten Wochen haben die Arbeiter*innen im Gesundheitsbereich nie dagewesene Solidaritätsbekundungen gesehen, doch nur noch weitere Verschlechterungen ihrer Arbeitsbedingungen erlebt. Solidarität sollte auch heissen, während dieser Krise auf diese Menschen zu achten. Und was viel wichtiger ist: Wenn diese Shitshow erst mal vorbei ist, wird es wichtig sein, dass wir uns immer noch mit ihnen solidarisieren, wenn sie endlich auf den Tisch hauen und menschenwürdige Arbeitsbedingungen verlangen. Zum Wohle der Arbeiter*innen, Patient*innen, Bewohner*innen und uns allen.

 

Mehr Personal, bessere Arbeitsbedingungen, ein Ende der Profitorientierung im Gesundheitsbereich, mehr Anerkennung, Basta!

 

FAT

1 genauer: die Verordnung 2 über Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus (COVID-19), vom 13. März, siehe https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20200744/index.html
2 Auswahl, wer noch behandelt wird bzw. in ein Spital gebracht wird, und wer nicht

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